September 22, 2011

Songs, Sounds & Stories «Der fingierte 16-Minuten-Orgasmus»

Short version, 3 Minuten/ TV-Auftritt von Donna Summer


Long Version, 16 Minuten


Donna Summer
Song: «Love To Love You»
Produzent: Giorgio Moroder

von Manfred Sim Toppel
Manch jüngerer Leser kann sich vermutlich gar nicht an die Zeiten erinnern, als hippe Bands und Stars sich trauten, Songs mit einer Laufzeit von über sechs Minuten zu veröffentlichen, die dann sogar die Hitparaden stürmten. Aber aus genau dieser Zeit stammt Donna Summers 16-Minuten-Stück, das heutzutage jeden Platten-Marketing-Manager zum Infarkt treiben würde. Ja, 1974 war das noch möglich, als die Blumenkinder zwar schon wieder zur Arbeit gingen, aber freie Liebe und sexuelle Befreiung immer noch auf dem Vormarsch waren und man auf den Tanzflächen der Discotheken entweder seinen beruflichen Erfolg feiern oder die Erdölkrise wegtanzen wollte.
Aber wenn es nach dem Südtiroler Erfolgsproduzenten Hansjörg «Giorgio» Moroder («Flashdance», «Top Gun») gegangen wäre, gäbe es «Love To Love You Baby» gar nicht. Zwar hatten Moroder und Summer bereits mehrere Songs miteinander erarbeitet und veröffentlicht, dennoch war der Produzent reichlich perplex, als Summer ihm beichtete, dass sie davon träume, einen Song im Stil von «Je t’aime» (Jane Birkin/ Serge Gainsbourg) aufzunehmen. «Du und ein sexy Song? Vergiss es», meinte Moroder lakonisch. Er zweifelte daran, dass ein schlüpfriges Lied zu der religiösen Sängerin aus Boston passen würde. Summer liess sich nicht beirren und schrieb dennoch einen Songtext, der den Star-Produzenten schlussendlich überzeugen konnte, den Versuch zu wagen. Man traf sich im Münchner Musicland-Studio, wo die lasziv-erotische Idee in Töne umgesetzt werden sollte. Kurz vor der Aufnahme von Donna Summers Gesangslinie müssen aber Moroder und Co-Produzent Pete Bellotte das Studio verlassen. Die schüchterne Sängerin möchte den Track alleine einsingen. Summer schmückt ihre triste Gesangskabine mit Kerzen, legt sich auf den Boden und zieht das Mikrofon zu sich herunter. Mit der intimen Atmosphäre liegt sie, sprichwörtlich, goldrichtig. Auf einer Privatparty stellt Plattenboss Neil Bogart den neuen Song den Gästen vor. Die sind hell begeistert und können gar nicht genug bekommen von Summers gehauchter Gesangs-Erotik. Immer wieder muss Bogart den Song abspielen. Darum erstaunt es nicht, dass Bogart Moroder daraufhin bittet, aus dem musikalischen Quickie (3-Minuten-Version) einen Extended-Version-Orgasmus zu machen. Diese 16 Minuten funky vertonter Sinnlichkeit läuten den globalen Triumph von Donna Summer ein. Praktisch keine Discothek auf diesem Planeten kommt 1975 an «Love To Love You Baby» dran vorbei. Und die Disco-Musik ist seither um einen Klassiker reicher. So funky kann sexy sein.

Manfred Sim Toppel ist Bassist, Songschreiber und Bandcoach aus Zürich. Seine Webseite finden Sie HIER