November 12, 2015

Songs, Sounds & Stories «Provokante bis Ekel erregende Texte gepaart mit urbanem Tanzmetall»

 





Manfred Sim Toppel für bazaar
Sie kamen, um zu provozieren. So könnte man das Motto der kontroversen deutschen Metal-Band Rammstein betiteln. Ihre Texte sind provokativ, landeten auch schon mal auf dem Index. Ganz Alben von ihnen wurden als hetzerisch und gewaltverherrlichend eingestuft und zeitweise auch verboten («Liebe ist für alle da», 2009). Man brachte ihre brachialen Live-Shows, ihre martialischen, mit der Nazi-Ästhetik kokettierenden Outfits und nicht zuletzt ihre mitunter brutalen und schonungslosen Texte mit der Bewegung des Rechtsradikalismus in Verbindung. Und es besteht auch kein Zweifel, dass die Berliner Band aus diesen Kreisen eine grosse Bewunderung erhält. Dennoch würde es zu kurz greifen, Rammstein einfach in die rechte Ecke zu stellen und dann abzuhaken. Nein, die Combo um Mastermind und Frontmann Till Lindemann bewegt mit ihrem «Tanzmetall» ganze Kontinente, mobilisiert die Massen und regt mit ihren manchmal rätselhaften, manchmal poetischen, auch brutalen, nicht selten machoiden und sexistischen, meist schonungslos direkten und leidenschaftlichen – die Romantik lässt grüssen – Lyrics zum Denken an. Was Rammstein zudem anbietet – sofern man ein Ohr dafür hat –, ist eine Möglichkeit der Analyse der eigenen Standpunkte und eigenen Perspektiven, die man als gegeben nimmt.
Rammstein polarisieren seit es sie gibt. Der Bandname, der am Anfang ihres Weges für kurze Zeit Rammstein Flugschau hiess, lässt dabei keine Zweifel offen. Die Gründungsmitglieder Paul Landers, Christoph Schneider und Christian «Flake» Lorenz spielten damit auf einen tragischen Flugzeugzusammenstoss während einer Flugshow auf der US-Militärbasis Ramstein (1988) an, bei dem auf tragische Weise 70 Zuschauer ums Leben kamen. Heute verkaufen Rammstein den Namen als damalige Blödelei, oder wie Paul Landers sagt: «Wir haben uns erstmal aus Quatsch so genannt, aber der Name blieb kleben wie ein Spitzname, den man nicht gut findet. Wir schafften es nicht mehr, den loszuwerden.»
Seit 1994 sind die Musiker aus Berlin unterwegs. 1995 debütierten sie mit «Herzeleid», spielten unter anderem auch bei den Ramones als Supporting Act. 1997 erschien «Sehnsucht», das im deutschsprachigen Raum die Top Ten der Albumcharts erreichte. Es folgten Tourneen in Europa und den USA. Dort erhielten sie zusätzliche Schützenhilfe durch den Kult-Regisseur David Lynch, der für seinen Filmsoundtrack von «Lost Highway» zwei Rammstein-Songs verwendete. Tourneepartner von Rammstein waren auch Slipknot, Limp Bizkit, Kiss, System of a Down. Seit 1997 landete jedes neue Studio-Album der Ausnahme-Band mit schöner Regelmässigkeit an der Spitze der deutschen und österreichischen Charts.
Von Beginn an schubladisierte man Rammsteins mehrdeutige Texte, ihren harten Stil und nicht zuletzt auch Till Lindemanns Auftritts- und Gesangsart mit rollendem «rrrr» als rechts ein. Als Rammstein im Video zu «Stripped» (Ein Cover eines Songs von Depeche Mode) 1998 Bildmaterial der höchst umstrittenen deutschen Regisseurin Leni Riefenstahl verwendeten - was laut Till Lindemann eine gezielte Provokation war, die er heute nicht mehr machen würde - ging ein Aufschrei der Empörung durch die (deutschen) Medien. Der deutsche Verfassungsschutz ordnete ein Verbot der Ausstrahlung des Videos vor 22 Uhr an. 2001 nahm die Band den Song «“Links, 2, 3, 4» auf. Dieser stehe für die politische Ausrichtung der Band, sagt Christian «Flake» Lorenz: «Wir marschieren, aber wir sind links, absolut klar bekennend links.» Der Verfassungsschutz von Nordrhein-Westfahlen erklärte zudem 2005: «Kritiker werfen der Band vor, auf diese Weise NS-Anleihen gesellschaftsfähig zu machen; als rechtsextremistisch ist die Band allerdings nicht einzustufen.» Dennoch: Bis heute hängt der Band eine Duftfahne der Verharmlosung des Nationalsozialismus nach, die sie wie einen schlecht ausgelüfteten Pullover nicht loswird. Ungeachtet dessen begeistern die gigantischen und reichhaltig mit Pyrotechnik bestückten Live-Shows Millionen von Fans weltweit.
Zum 21-jährigen Jubelfest des Bestehens der Band veröffentlichten Rammstein im September 2015 eine neue DVD «Rammstein in Amerika». Dazu eine Anekdote, die das Phänomen Rammstein deutlich zeigt: Als Rammstein 2010, nach 10 Jahren Live-Abstinenz in den USA ein Konzert im legendären  Madison Square Garden in New York ansagten, waren die 20’000 Tickets für die Show in weniger als 30 Minuten restlos verkauft.
Die Band kommt nächsten Sommer im Rahmen ihrer Sommertournee auch in die Schweiz. Am 4. Juni 2016 spielen sie in Luzern. Wer sich beeilt, kann vielleicht noch einen Stehplatz ergattern.

Eine Frage zum Schluss: Wann hat Ihr Herz das letzte Mal gebrannt?

Manfred Sim Toppel ist Bassist, Songschreiber und Bandcoach aus Zürich