Januar 20, 2016

Songs, Sounds & Stories «Elevation of Love, oder von der Liebe zum analogen Leben»







Manfred Sim Toppel für bazaar
Kennen Sie das? Alle Welt schreit nach einer Sache und Sie haben absolut keine Lust in diesen Kanon miteinzustimmen? Ja? Dann begrüsse ich Sie als Gefährten im Geiste!
Mir (man beachte den Stilwechsel des Autors) ging es kürzlich so, als scheinbar jede und jeder das wirklich ultra sympathische Carpool-Karaoke-Video der britischen Hitparaden-Rekordlerin Adele auf dem Social Network seines Vertrauens posten musste. Ich muss zugeben, auch ich war für einen Moment versucht, es meinen digitalen-Freunden gleich zu tun, auch weil ich bekennender Adele-Aficionado bin. Was mich bewog es dann schlussendlich doch nicht zu tun? Nun, ich sagte mir, dass ich Erlebnissen und Erinnerungen doch auch auf andere Weise einen Meilenstein in meinem Lebensuniversum geben kann, als der banalen, aber heutzutage sehr gepflegten, sozial anerkannten (eigentlich freiwilligen!) Direktive zu folgen: Nur was ich fotografiere, poste, chatte, texte, etc. DAS existiert.
Die zugegebenermassen total subjektive Wahrnehmung meines Umfelds gibt mir derzeit öfters Rückmeldungen, dass ich nicht der Einzige bin, der sich darüber Gedanken macht. Beispielsweise fällt mir auf, dass nur noch einzelne Besucher von (Jazz/Soul-)Konzerten ihr Mobile während emotionalen Momenten zum Filmen zücken. Noch vor kurzem wurde man als Zuschauer ja ungewollt zum Regie-Assistenten, wenn plötzlich in der Reihe vor einem eine Phalanx von Smartphones in die Höhe schoss und die Sicht zur Bühne während einer gefühlten Ewigkeit versperrte. Meine Begleiter und ich waren dann gezwungen, das Konzert unserer Wahl durch das nächstgelegene, zumeist wackelnde Display zu verfolgen. Aber eben, polemisch gesprochen: Zum Glück scheint das Interesse an diesen Amateur-Filmchen zu schwinden.
Nach dieser Ausschweifung komme ich wieder zurück zum eigentlichen Thema, wie kann ich meine Erlebnisse und Erinnerungen ent-digitalisieren? Nun, ganz einfach: Denke und handle analog.
Was heisst das? Das bedeutet, dass ich wieder mehr im Moment zu leben versuche. Ich zücke mein Handy nicht bei jeder vermeintlichen Wissenslücke während eines Gesprächs. Ich ignoriere während eines sozialen Anlasses (Verabredung, gemeinsames Essen, Party, gemeinsame Unternehmung, etc.) geflissentlich die Signaltöne eintreffender SMS, Mails, Push-Meldungen. Ich versuche nicht jede und jeden spontan mit Filmchen, Fotos, Texten, whatever sonst noch für Medien zu «beglücken».
Und ja, ich gebe es zu, es ist zwar für viele Menschen ein Anachronismus, aber ich stehe dazu: Ich telefoniere gerne mit Menschen. Eine Stimme, ein Gespräch gibt mir persönlich mehr als jedes SMS. Ich kann die Person vis-à-vis hören, ihre Stimmung ertasten. Ich merke sofort, ob die Person am Ohr gestresst oder entspannt ist. Merke meistens, ob der Inhalt mit dem Ton des Gesagten übereinstimmt – oder eben nicht. Das kann ein SMS nicht. Ausserdem ist ein Telefonat gleichzeitig. Ein nicht zu unterschätzender Faktor des sozialen Umgangs. Zwei Personen erleben das Gleiche gleichzeitig und gemeinsam. Das ist ein Ur-Pfeiler der menschlichen Gesellschaft. Durch die Technologie der SMS, Mail etc. gewinne ich zwar die Freiheit der selbstbestimmten Reaktionszeit, aber dafür verkümmert im Bereich der Sozialkompetenz die Fähigkeit sich spontan und gleichzeitig zu offenbaren. Über die möglichen Auswirkungen unseres freiwilligen, ja sogar oft willfährigen, Sich-Selbst-Auslieferns an die digitalen Technologien sind wir uns meist nicht bewusst. Genau so wenig über die Konsequenzen des digitalen Konsums. Beispielsweise ist mittlerweile bewiesen, dass die Benutzung von Computern, Tablets und Smartphones bei Kindern dazu führen kann, dass die Entwicklung des kindlichen Gehirns stoppt, oder sich sogar ganze Hirnareale zurückbilden. More Drama, Baby? Und auch die Denkzentralen der Erwachsenen reagieren auf den digitalen Konsum: Wer sich ausführlicher diesem Thema «ausliefern» möchte, hier gibt’s mehr dazu >>

In diesem Sinne: Führen Sie, als erwachsener Mensch, doch einmal einfach spasseshalber ein analoges Wochenende ein. Sie werden überrascht sein, welch spannenden Erfahrungen auf Sie warten und wie Sie das Leben plötzlich anders wahrnehmen werden.
Eine Frage zum Schluss: Wen/Was streicheln Sie mehr? Ihren Partner oder Ihr Smartphone?

Manfred Sim Toppel ist Bassist, Songschreiber & Bandcoach aus Zürich